Altern: Ab 30 geht’s bergab

Das Altern aufhalten - und gestalten

Professor Ben Godde: „Sowohl spezifische Funktionen als auch die allgemeine Leistungsfähigkeit des Gehirns lässt sich trainieren“. (c) Jacobs University
Professor Ben Godde: „Sowohl spezifische Funktionen als auch die allgemeine Leistungsfähigkeit des Gehirns lässt sich trainieren“. (c) Jacobs University

Spätestens im Alter von 30 Jahren schrumpft bei den meisten Menschen das Volumen des Gehirns. Das ist die schlechte Nachricht aus der Welt der Wissenschaft. Die Gute: Dieser Alterungsprozess lässt sich stoppen beziehungsweise verlangsamen – und zwar mit gezieltem Training, mit Bewegung, überhaupt mit körperlicher Aktivität, sagt Dr. Ben Godde, Professor für Neurowissenschaften an der Jacobs University Bremen. „Jeder hat es selbst in der Hand, seine Gehirnfunktionen zu erhalten, sofern er körperlich gesund ist.“ Auch bereits alte Menschen können Gutes für’s Gehirn tun.

Lebenslanges Lernen, gesundes und erfolgreiches Altern sowie die Plastizität des Gehirns, also dessen Veränderbarkeit, sind die Forschungsschwerpunkte des Wissenschaftlers. „Früher hat man gedacht, die Gehirnentwicklung sei auf die Kindheit begrenzt, das Gehirn habe mit Abschluss dieser Phase ausgelernt“, sagt der 52-Jährige. Aber das stimme nicht, die Plastizität bleibe bis ins hohe Alter enthalten.

„Das Gehirn ist ein Netzwerk, das sich immer wieder erneuert und neu verknüpft“, erklärt Godde. „Das hängt mit den Anforderungen zusammen, denen es ausgesetzt ist. Verändern sich die Anforderungen, verändert sich das Gehirn. Wenn ich etwas lerne werden neue Verbindungen gebildet, neue Netzwerke. Was wichtig ist, wird gespeichert. Das Gehirn kann sich über die Lebensspanne extrem verändern.“ So sei es für junge Menschen wichtig, schnell und viel Neues über die Welt zu lernen. Ältere bauten hingegen auf ihrem Erfahrungswissen auf, um Probleme zu lösen. Entsprechend verschieden arbeite das Gehirn, was manchmal als Leistungsabbau fehlgedeutet werde.

Auch im Alter bildet das Gehirn neue Verknüpfungen

Gleich in mehreren Versuchen hat seine Forschungsgruppe diesen Prozess nachgewiesen, zum Beispiel in Tests zur Handgeschicklichkeit. Das Binden von Schürsenkeln, das Schließen von Knöpfen oder das gefahrlose Greifen von einem Ei sind für ältere Menschen wichtige Voraussetzung für die Teilnahme am täglichen Leben. An Probanden verschiedener Altersstufen wurde etwa untersucht, wie gut sie unterschiedliche Oberflächen unterscheiden, Objekte fühlen oder stapeln können. Bei der Messung der Gehirnaktivitäten zeigt sich, dass im Gehirn neue Verbindungen entstehen, die auch gespeichert werden. „Sowohl spezifische Funktionen als auch die allgemeine Leistungsfähigkeit des Gehirns lässt sich trainieren“, sagt Godde. Wichtig sei es, aktiv zu bleiben. So führt Ausdauertraining dazu, dass die Durchblutung des Gehirns verbessert wird.

Trotz dieser Erkenntnisse ist die Haltung immer noch weit verbreitet, dass Ältere nichts mehr lernen können. Eine Einstellung, die Godde bekämpft. „Unsere Studien belegen das genaue Gegenteil. Wer will, kann selbst in hohem Alter noch das Klavierspiel einüben, sofern die Muskeln und Hände gesund sind.“